Das Thema Sexualität im Deutschunterricht

„Das Erforschen ihres Körpers mit Händen und Mund, die Begegnung der Münder und schließlich sie über mir, Auge in Auge, bis es mir kam und ich die Augen fest schloß und zunächst mich zu beherrschen versuchte und dann so laut schrie, daß sie den Schrei mit ihrer Hand auf dem Mund erstickte.“ (Bernhard Schlink: Der Vorleser) [1]

Dies ist eine von mehreren Stellen im Roman „Der Vorleser“, bei der die körperliche Vereinigung der beiden Protagonisten Michael und Hanna beschrieben wird. Strafrechtlich gesehen wird hier die Verführung eines Minderjährigen dargestellt, weil es sich bei Michael um einen 15-jährigen Jungen und bei Hanna um eine etwa doppelt so alte Frau handelt. Wie gehe ich als Deutschlehrperson mit solchen Textstellen um? Soll ich den Roman wegen Textstellen wie diesen gar nicht erst lesen und wenn ich es doch tue, diese Stellen im Unterricht ignorieren? Meiner Ansicht wäre es jedoch eine verpasste Chance, wenn im Deutschunterricht nicht über solche Themen gesprochen wird.

Obwohl sich viele Schülerinnen und Schüler in der Mittelstufe für Sexualität interessieren, scheint dieses Thema nur selten Gegenstand im gymnasialen Unterricht zu sein. Ein Blick in den Rahmenlehrplan der Neuen Kantonsschule Aarau bestätigt diesen Eindruck[2]. Lediglich im Ergänzungsfach Psychologie kann optional auf „intime Beziehungen“ (RLP 2013: 227) eingegangen werden und im Schwerpunktfach Biologie wird als Lernziel festgehalten, dass die SuS den „Sinn und Zweck der sexuellen und asexuellen Fortpflanzung“ (RLP 2013: 24) erkennen.

Viele literarische Texte bieten sich dazu an, über Sexualität zu sprechen. Bei der Besprechung sollten jedoch nicht persönliche Erfahrungen und Empfindungen der Lernenden im Zentrum stehen, sondern die Betrachtung der Texte aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive. Das Sprechen über Sexualität im Unterricht ist meiner Meinung nach auch mit einer gewissen Verantwortung verbunden. Als Lehrperson kann ich besser damit leben, wenn die Lernenden eine Alliteration mit einer Anapher verwechseln, als wenn sie nach der Lektüre des Vorlesers glauben, dass es erstrebenswert ist, als Jugendlicher mit einer doppelt so alten Person intim zu werden.

In diesem Kontext stellt sich mir auch die Frage, ob ich mich als Deutschlehrperson angreifbar mache, wenn ich Bücher lese, in denen sexuelle und tabuisierte Handlungen dargestellt werden. Was erzählen die SuS zuhause von den im Deutschunterricht besprochenen Inhalten? Werden sich Eltern bei der Schulleitung beklagen? Dass man als Deutschlehrperson nicht auf der sicheren Seite steht, selbst wenn man „Klassiker“ liest, hat 2013 der Vorfall am Rämibühl bereits gezeigt.[3]

– Judith

[1] Schlink, Bernhard (1995): Der Vorleser. Diogenes Verlag, S. 27.

[2] Rahmenlehrplan NKSA: <http://nksa.ch/wp-content/uploads/2014/07/1_1_3_12_Fachlehrpl%C3%A4neGymnasiumneu.pdf> [11.05.19].

[3] Mehr dazu unter <https://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Raemibuehl-Lehrer-kommt-nicht-auf-die-schwarze-Liste/story/25280585> [11.05.19].

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