Die „Kanonfrage“ – Anlass zur Selbstreflexion

In der „Kanonfrage“ scheint besonders in einem Punkt Einigkeit zu herrschen: Das Festhalten an einem klassischen Literaturkanon vergangener Generationen ist überholt und Bedarf einer Neuausrichtung, die sich an aktuellen gesellschaftlichen Fragen und Themen orientiert. Sei es zum Aufbau eines „Orientierungswissens“ oder zur kritischen Auseinandersetzung und Werteerziehung. Kerstan und Berg präsentieren entsprechend eigene Alternativentwürfe für einen modernen Kanon. Solche Überlegungen sind richtig und wichtig, denn sie dienen einerseits der gesellschaftlichen Auseinandersetzung über bestehende Werte und Normen und helfen uns als angehende Lehrpersonen bei der Orientierung und Auswahl unserer Lektüren.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Lösung überhaupt in der Festlegung eines festen Kanons liegen kann oder ob die Frage danach, „was man wissen muss“, nicht grundsätzlich als ein dynamischer Prozess zu verstehen ist. Stellt man sich in dieser Frage auf den zweiten Standpunkt, bedeutet dies noch lange nicht eine völlige Beliebigkeit, sondern stärkt einerseits die Lehrperson als kompetente Fachperson und ruft gleichzeitig dazu auf, den eigenen Unterricht ständig neu zu evaluieren und anzupassen. Auch die Vermittlung der gängigen Literaturepochen im Unterricht soll damit nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden, können diese doch ebenso dem Aufbau von Orientierungswissen dienen wie Reibungsfläche für die angestrebte Werteerziehung bieten.

Im Hinblick auf die eigene Laufbahn als Lehrperson liegt die Bedeutung der „Kanonfrage“ gerade deshalb weniger darin, sich einem möglichen Vorschlag anzuschliessen, sondern vielmehr, sich die Frage im Laufe der eigenen Karriere beständig neu zu stellen und so nicht nur die gesellschaftlichen Normen, sondern vor allem das eigene Handeln laufend kritisch zu hinterfragen, anzupassen und „am Ball“ zu bleiben. Sei es in gesellschaftlichen Fragen, der literarischen Landschaft oder der Auswahl lohnender „Tiefenbohrungen“ innerhalb einer Epoche der Literaturgeschichte. Eine Qualität, die insbesondere nach langjähriger Lehrtätigkeit leicht Gefahr läuft, abhanden zu kommen.

-Simon

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