Einige Gedanken zu den Themen Kanon, Kanonbildung und Bedeutung des Kanons für den Unterricht

(Die in doppelten Anführungszeichen stehenden Passagen sind Zitate aus dem Zeit-Artikel „Wir brauchen einen neuen Kanon“ von Thomas Kerstan.)

Seine „Suche nach einem Kanon“ begründet Kerstan im Artikel in der Zeit mit zwei unterschiedlichen Regungen, mit einem Gefühl der Verunsicherung und mit Neugier. Ein Kanon, so könnte man also vielleicht sagen, scheint einem ‚defensiven‘ und einem ‚offensiven‘ Ziel zu dienen: Einerseits hilft ein Kanon dabei, mit „Unübersichtlichkeit“, „Spaltung“ und „wachsendem Unverständnis“ umzugehen; andererseits kommt ein Kanon der Wissbegier des Menschen entgegen und unterstützt ihn dabei, sich der Welt zu öffnen.

Aber wer bestimmt die Inhalte eines Kanons? Wer sagt eigentlich, „was man wissen muss“? Selbst wenn man sich auf die Notwendigkeit irgendeines Kanons einigen könnte, blieben diese Fragen unbeantwortet.

Kerstan selbst spricht davon, dass ein Kanon in der Auseinandersetzung mit anderen, in der „intelligenten Unterhaltung“ entsteht. Bezogen auf die Deutsch-Didaktik könnte diese Bemerkung einen Hinweis auf ein ‚Unterrichtsrezept‘ geben: Ich stelle mir vor, dass eine Diskussion darüber, „was man wissen muss“, für SchülerInnen wie für Lehrpersonen spannend wäre. An einem Gespräch darüber, warum man gewisse Dinge kennen sollte, um nicht als „Auslaufmodell“ zu enden, dürften viele interessiert sein, weil niemand gerne ein Auslaufmodell ist… Eine solche Diskussion setzt bei den SchülerInnen wie bei der Lehrperson Offenheit voraus. Die unbegründete Behauptung, eine Autorität setze den Kanon fest, wird wohl den wenigsten einleuchten. Mehr zu diskutieren gäbe schon die Erklärung des Oxford Dictionary of Literary Terms (s.u.), bei kanonischer Literatur handle es sich um Texte especially approved by critics or anthologists and deemed suitable for academic study. In dem Alter, in dem sich unsere SchülerInnen befinden, ist es entwicklungspsychologisch geradezu notwendig, Autoritäten zu hinterfragen; deshalb scheint es mir besonders wichtig, zu erklären, was denn die Jahrhunderte an diesem oder jenem Text so gut fanden. Die Lehrperson könnte einen Vorschlag machen, weshalb sie ein bestimmtes Gedicht besser findet als ein anderes – und dann zuhören, ob und warum die SchülerInnen diese Auffassung teilen oder nicht. Kanons waren ja immer das Produkt einer Auseinandersetzung oder sogar eines Streits. Eine solche Ausmarchung könnte im Unterricht zu einem gewissen Grad wiederholt werden. Wichtige Diskussionen zu Fragen literarischer Qualität könnten sich an solche Gespräche anschliessen, Diskussionen, die nicht unbedingt zu einem Schluss kommen müssen.

Kerstan beschränkt sich in seinem eigenen Entwurf eines Kanons nicht auf Literatur. Seine Erweiterung des Spektrums könnte für alle eine zusätzliche Motivation sein, sich auf Unbekanntes einzulassen. (Ich selbst muss jedenfalls zugeben, dass mir längst nicht alle Einträge auf der Liste geläufig sind.)

(Kaspar)

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