Der implizite Kanon an Schweizer Gymnasien

Damit ein Literatur-Kanon zustande kommt, sind zwei allgemeine Prämissen zu veranschlagen: die Notwendigkeit, (1) aus einer unüberschaubaren Menge von Texten auszuwählen und (2) solche Auswahl begründet vorzunehmen. […]
Kanones tragen dazu bei, die Identität einer Gruppe zu stiften, sie gegen andere Gruppen abzugrenzen und zu legitimieren, und sie bieten Orientierung, indem sie als Maßstab für Anschlusshandlungen dienen.

Was Simone Winko in ihrer Analyse des Kanons als »invisible hand-Phänomen« beschriebt, lässt sich in Bezug auf den Deutschunterricht an Schweizer Gymnasien noch ausweiten: Nicht nur die Entstehung des Kanons erfolgt unsichtbar, der Kanon selbst ist unsichtbar.

In vielen Kantonen ist die Lehrfreiheit im gymnasialen Deutschunterricht recht hoch. Das bedeutet, dass eine Lehrerin oder ein Lehrer praktisch autonom über die Auswahl der Lektüre entscheidet. Auch Prüfungen sind kaum standardisiert: In der Regel findet aber eine mündliche Prüfung statt, bei der eine von den Lernenden zusammengestellte Literaturliste die Grundlage bildet.

Dafür gibt es an einzelnen Schulen oder bei einzelnen Lehrkräften Listen (vgl. z.B. diese Sammlung) –  diese haben meistens den Charakter einer Empfehlung. Wie letztlich entschieden wird, welche Werke auf diesen Listen erscheinen können (oder im Unterricht gelesen werden), ist nicht explizit formuliert.

Dennoch gibt es dafür einen Kanon: Er wird durch die Erwartung von Expertinnen und Experten bestimmt, welche für diese Prüfungen zugezogen werden; auch denkbare Rekurse gegen Prüfungen geben einen Rahmen vor, an dem sich Lehrerinnen und Lehrer orientieren.

Dieser Kanon hat ausfransende Ränder. Auf diesem Rand liegen beispielsweise Übersetzungen: Für einige Deutschlehrpersonen überhaupt kein Problem, für andere absolut ausgeschlossen. Ebenfalls auf dem Rand liegt Martin Suter (er hat da Patrick Süskind abgelöst, der nun fest zum Kanon gehört): Sind seine Romane anspruchsvoll genug für den gymnasialen Unterricht?

Interessant wäre eine Statistik, die verzeichnet:

  • welche Werke wie oft auf Maturalisten auftauchen
  • welche Werke wie oft im Unterricht verbindlich gelesen werden.

Dabei würden auch Schlagseiten erkennbar: Welche Zeiträume werden intensiv, welche weniger rezipiert? Welche Sprachregionen stehen im Mittelpunkt? Welche biografischen Gemeinsamkeiten haben die Autor*innen der gelesenen Werke? (Das Thema bietet sich für eine Masterarbeit an, an die Daten sollte man recht einfach kommen…)

Quelle: Die Welt in Gelb. Zur Neugestaltung der Universal-Bibliothek 2012, S. 43

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