Kommentar zu „Die Kanon“

Das Online-Projekt Die Kanon bietet eine alternative Sichtweise auf Kanonlisten, wie sie in diversen Schulhäusern, Lehrplänen oder Studienprogrammen nach wie vor vorhanden sind: Die Betreiberinnen der Seite nehmen ausschliesslich weibliche Akteurinnen und deren Werke in den Blick. Dies scheint äusserst interessant, da weibliche Autorschaft (und Existenz) nach wie vor vernachlässigt wird.

Dabei wurde auch in die Vergangenheit geblickt und einzelne Frauen, die im Schatten der «grossen Männer» gestanden haben, aus der Vergessenheit gehoben. Jedoch fragt sich hier, wo all den Frauen Platz geboten wird, von deren Existenz keine Spuren mehr zu erkennen sind. Eine Auflistung «männlicher Werke» mit potenzieller weiblicher Existenz im Hintergrund schiene mir ebenfalls gewinnbringend. Die feministische Bibelwissenschaft und Judaistik hat eine solche Lesart eingeführt: Frauen werden hinzugeführt, wo bisher keine waren und Frauen, die bisher namenlos waren, erhalten Namen. Allein schon die Tatsache von Nachkommen «grosser Männer» können weibliche Existenz in deren Umfeld nicht verleugnen. Es scheint schade, männlich geprägte Werke ganz auszublenden, die durchaus gewinnbringend sein könnten für feministische Debatten. Hier könnten beispielsweise im Sinne eines interaktiven Netzwerkes die Mütter, Schwestern, Ehefrauen und Töchter von prominenten männlichen Persönlichkeiten eingebracht werden.

Überhaupt ist die formale Wahl einer alphabetischen Auflistung von die Kanon m. E. unglücklich. Hier gehen viele Bezüge verloren: Welche Frau kannte andere prominente Frauen? Wo sind gegenseitige Einflüsse erkennbar? Wie lassen sich die Disziplinen miteinander verknüpfen? Als Unterrichtsprojekt wäre eine vernetzte Version von die Kanon interessant. Die Schülerinnen und Schüler könnten so viel eher Zusammenhänge erfassen und ein historisches Verständnis entwickeln, das an feministische Fragen und Anliegen anknüpft.

Als Beispiel füge ich gerne ein Foto hinzu. Im Literaturmuseum Wien läuft gerade eine Ausstellung über Berta Zuckerkandl, die mit ihrem Salon und journalistischen Arbeiten Kontakte zu unzähligen wichtigen Akteurinnen und Akteuren der Wiener Moderne pflegte. Zu Beginn der Ausstellung werden diese Kontakte und Einflüsse grafisch dargestellt – viele der Namen sind geläufig, Berta Zuckerkandl hingegen kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht, womit mir erneut bewusst geworden ist, dass weibliches Schaffen oftmals im Hintergrund geschah und bis heute geschieht.

  • von Nora

Fotonachweis: Seirer Photography, online: 19.2.19. (Für bessere Auflösung dem Link folgen: https://www.seirer-photography.com/blog/2018/3/24/social-network-der-wiener-moderne-sonderausstellung-berg-wittgenstein-zuckerkandl-literaturmuseum)

 

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