Literaturgeschichte im 21. Jahrhundert: zwei Zitate

Vor 15 Jahren, als die erste Ausgabe dieser Literaturgeschichte erschien, gab es kein Powerpoint, die Email- und Mobiltelefonkommunikation steckte in den Kinderschuhen.
Es war nicht daran zu denken, dass der größte Teil der im Alltag wie in der Wissenschaft benutzen Informationen einmal aus »dem Netz« bezogen würden. […] Dieses Informationsverhalten hat auf das Fach Germanistik und seine akademische Lehre abgefärbt. (es) zeigt sich ein deutlicher Trend zur Minimalisierung, Standardisierung, aber auch Fragmentierung und Visualisierung von Wissen.

Dieses Zitat stammt aus Peter Brenners »Neue deutsche Literaturgeschichte« von 2011. Diese Bemerkung im Vorwort zur 3. Auflage nimmt eine kulturpessimistische Perspektive auf den Leitmedienwechsel ein: Brenner blickt auf die Wissensverarbeitung der Netzgesellschaft mit den Haltungen der Buchdruckgesellschaft.

Da der Gegenstand »Literaturgeschichte« aber auf Buchdruckparadigma beruht, entspricht die Skepsis Brenners der Frage, ob diesem Gegenstand und dem damit verbundenen Wissen im 21. Jahrhundert dieselbe Relevanz beikommt wie vor der Digitalisierung. Daran schließt eine zweite Frage an: Wie kann Literaturgeschichte im Netz dargestellt werden?

Brenner formuliert implizit die These, dass sein Buch die ideale Form der Literaturgeschichte sei: Das Buch kommt ohne Visualisierungen, Tabellen, Randkommentare oder farbige Gliederungselemente aus. 

Zusammengefasst lässt sich aus Brenner Bemerkung die These ableiten, dass eine neue Art von Textgeschichte im Netz die Literaturgeschichte in Büchern ablösen könnte. Wie das geschehen kann, ist eine der Leitfrage der Lehrveranstaltung.

Das zweite Zitat stammt aus Wilhelm Flitners »Die gymnasiale Oberstufe« von 1961:

Die literarhistorische Einführung, als eine orientierende, belastet sich mit zuviel Stoff, wenn sie gleichzeitig eine formale und ethisch-existentielle sein möchte. Da die Lehrpläne in der Regel auf diese Kombination gerichtet sind, so entsteht in der Praxis teils Stoffüberlastung, teils Willkür. Es entsteht kein Kanon  des Klassischen, man weicht aus auf das, was bei der heutigen Jugend ,ankommt‘, was sie sich unter Umständen selbst wählt, oder man beharrt auf den Klassikern und erzeugt Überdruß oder Abneigung […] Sobald der literaturgeschichtliche Aufbau des Unterrichts vorherrscht, ist dieses unerwünschte Ergebnis fast unvermeidbar. 

Viele Lehrer und Schöpfer von Lehrplänen meinen, der Unterricht der Prima müsse wissenschaftlich sein, und glauben, die Lösung des Problems darin zu sehen, daß sie die wissenschaftliche Literaturgeschichte der Universität in die Schule herübernehmen, in verkürzter Form und auf das Verständnis der Anfänger zugeschnitten. […] Der Sinn der Gymnasialoberstufe ist damit völlig verfehlt; anstatt die Fähigkeit und inhaltliche wie formale Möglichkeit des Studiums zu stiften, beginnt man in unzulänglich fundierter Weise mit dem Studium selbst, das notgedrungen in einer Kurzform bleibt oder abgebrochen werden muß, ehe es ein Resultat bringt.

Flitner benennt drei Konflikte, welche den Literaturgeschichtsunterricht im gymnasialen Deutschunterricht auch heute betreffen:

  1. Eine Form von Werteerziehung (verstanden als Auseinandersetzung mit Werten und Haltungen) trifft im Literaturunterricht auf den Anspruch, einen historischen Überblick zu vermitteln. Die Wahl von Ganzschriften erfolgt also aus zwei Perspektiven, die sich durchaus widersprechen können: Es dürfte nicht bei jeder Klasse möglich sein, ein Werk auszuwählen, das literaturgeschichtliches Lernen und eine Haltungsreflexion  gleichzeitig ermöglicht.
  2. Die Kanondiskussion wird immer wieder aufgegriffen (zuletzt Kerstan in der Zeit, Berg et al.: Die Kanon): Kann/soll sich der Literaturgeschichtsunterricht an einem Kanon orientieren, der heute unsicher ist?
  3. Die Orientierung an der akademischen Literaturwissenschaft führt heute von der Literaturgeschichte weg. Andere Forschungs- und Vermittlungsperspektiven auf Literatur  bestimmten den Diskurs an Universitäten. Sollen diese an Gymnasien Raum erhalten, oder gibt es Gründe, an der historischen Perspektive festzuhalten?

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