Vom Text zur Literaturgeschichte

Wir lesen folgende drei Texte:

  1. Lili Grün: Liebe
  2. Kardinar/Schlecht: Das Fräulein von Scuderi (Rezension)
  3. Duvanel: Waschtag

Was ist daran aus einer historischen Perspektive interessant?
Wie kann – ausgehend von einer Lektüre dieser Texte – literaturgeschichtliches Lernen ermöglicht werden?

Bezugspunkt dieser zweiten Frage kann die Formulierung von Spinner aus dem Basisartikel »Literarisches Lernen« (2006) sein:

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  1. Die Idee, anhand konkreter Textbeispiele Literaturgeschichte zu „betreiben“ ist für Schülerinnen und Schüler sicherlich reizvoll. Aber wie „betreibt“ man Literaturgeschichte am „Gegenstand“? Ist Literaturgeschichte ein aktives Tun oder passives Nachvollziehen? Und haben Literaturgeschichten, um hier den Plural zu gebrauchen, die wir mit Nachschlagewerke in Verbindung bringen, nicht selbst ihre Geschichte? Jeder Editionswissenschaftler weiß, dass der gedruckte Kommentar zu einem historisch-kritisch edierten Werk der anfälligste und sensibelste Bereich eines solchen Unterfangens ist.
    Literaturgeschichten als Einordnungsinstrument zu konsultieren, ist in erster Linie Sache der Lehrpersonen und nicht die von Schülern. Engagierte Schülerinnen und Schüler wollen sich selbst einen „Reim aufs Ganze machen“, Thesen formulieren, Beobachtungen teilen, entdecken. Allein der originale Innentitel eines „alten“ Buches in Frakturdruck, mit seinem zum Teil komplizierten Aufbau als PowerPoint gezeigt, erzeugt bei Schülerinnen und Schüler Neugierde und kann als ein gelungener „Ice-Braker“ eingesetzt werden. Was heißt das? Wer ist der Autor? Novalis? Den didaktischen Einstieg mittels historischer Textbeispiele zu suchen, um Schülerinnen und Schülern die Historizität von Literatur zu veranschaulichen halte ich für richtig. Aber dies allein auf der Textebene zu betreiben, für zu einseitig. Den Text eines Bestsellers aus dem 17., 18. oder 19. Jahrhunderts den Schülerinnen und Schülern in Form von Schwarz-Weiß-Kopien aus einer modernen Reclam-Ausgabe vorzulegen, ist wenig einfallsreich. Die Forschung hat nicht grundlos die Materialität von Druck- und Schrifterzeugnissen verstärkt in den Blick genommen. „Der Textbegriff“, so Klaus Ridder, Paul Sappler und Hans-Joachim Ziegler in einer Projektskizze zu einer Neuedition deutscher Versnovellistik des 13. und 14. Jahrhundert einleitend, „abstrahiert üblicherweise in der Literaturwissenschaft weitgehend von den materiellen Aspekten des Geschriebenen. Die Editionswissenschaft hat sich vor allem unter den Gesichtspunkten der Genese und Überlieferung für die Materialität von Texten interessiert. Doch auch für die Konstitution des Editionstextes, den Kernbereich einer Edition, bilden die Materialität der Manuskripte und Drucke den zentralen Gegenstand“ (in: Martin Schubert, Materialität in der Editionswissenschaft, 2010).
    Wie geht man im Literaturunterricht mit einem Text um, wie diesen von Lili Grün? Soll man den Schülerinnen und Schülern zuerst das Original-Portrait der jüdischen Autorin aus der Österreichischen Nationalbibliothek zeigen? Sie fragen, wie sie das Bild zeitlich einordnen? Und erst anschließend den Text „Liebe“ zur Lektüre aufgeben? Was könnte aus Schülersicht die dringlichste Frage sein? Um was geht es? Wer ist die Autorin? Wann entstand dieser Text? Es ist schwer einzuschätzen, ob Schülerinnen und Schüler den Entstehungszeitraum der Kurzgeschichte ungefähr benennen können. Die Anrede „gnädige Frau“ im vierten Absatz des Textes klingt nicht mehr zeitgemäß, geradezu antiquiert. Aber vielleicht ist das von Lili Grün gewählte Thema generell überholt, weshalb wir den Text irgendwo „erste Hälfte 20. Jahrhundert“ oder gar noch früher einordnen würden? Oder verhält es sich genau umgekehrt und Lili Grüns Text ist politisch hochaktuell? Müsste deshalb die Frage „Was ist [an Lili Grüns Text] aus einer historischen Perspektive interessant? nicht eher lauten: „Was ist an Lili Grüns Text aus heutiger Sicht interessant?“ und mit den Schülern und Schülerinnen das Toxische herauskristallisieren? Wäre es nicht progressiver und für Schülerinnen und Schüler spannender, im Literaturgeschichtsunterricht Texte zu berücksichtigen, die sich auf gegenwärtige Diskurse beziehen ließen? Ergänzend würde ich die authentischen „Herren“-Briefe aus Lilly Staudenmann-Stellers Autobiographie „Weil ich die Menschen liebe. Schweizer Studentin in Frankfurt am Main 1920-1923“ zum Lesen geben. Auch die einschlägigen Briefe von Gottfried Benn würden hier aufschlussreich sein.

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